Zuhören & Anschnallen

Experimente sind dazu da, sie zu machen. Keine Ahnung wer das gesagt hat, oder ob. Aber irgendjemand wird es schon gewesen sein. Zitate sind sowieso besser, wenn sie nicht von Gandhi, Churchill oder Sokrates stammen. Wenn niemand so recht weiß, von wem der Satz stammt, umweht ihn gleich so ein „Hauch von Geheimwissen“.
Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich in der zehnten Klasse eine Klausur mit Zitaten von Bo-Xi-Yui spicken konnte, um meine doch recht krude globalpolitische Analyse und Einbettung von Effi Briest zu begründen, aber niemand nachfragte: Wer ist eigentlich dieser Bo-Xi-Yui? Und warum sind da drei Bindestriche in seinem Namen? Ist das nur ein Name? Ein Vorname? Ist das so wie bei Moby oder Pelé?

Also: Experimente machen!
Zum Beispiel hab ich eine Woche lang nicht gelogen.
Na gut. Das stimmt so nicht. Natürlich hab ich gelogen. Geschwindelt. Übertrieben. Verallgemeinert und unterschlagen. Aber im Vergleich zu meiner sonstigen Lügen-Menge … war es ein riesiger Erfolg. Überschlagen waren es nur ca. 25 Lügen in einer Woche. Das macht weniger als 4 Lügen pro Tag! Das ist beeindruckend. Nicht wahr?
Vielleicht nicht, wenn man Spock als Maßstab nimmt. Oder Jim Carrey in „Der Dummschwätzer“, nachdem sein Sohn ihm diesen Fluch aufgedrückt hat.
Mir egal.

Über Lügen wird wahnsinnig viel geschrieben und geforscht. Weniger als vier Lügen am Tag … sind schon eine Leistung. Wenn ich denn wirklich alle gezählt habe.
Der Punkt ist der: Nach einiger Zeit merkt man … man lügt weniger, wenn man mehr zuhört. Beziehungsweise: Weniger sagt!
Zurückhaltung ist das A und O für die Wahrheit. Einfach mal nichts sagen!
Na gut. Mit der Erkenntnis schaffe ich es vielleicht nicht auf ein besticktes Sofa-Kissen, aber es hat mir (und wenn nur für eine Woche) ein ganz neues Gefühl gegeben.
Und ich danke der Person, die für dieses Experiment verantwortlich war. Und bitte: Nie wieder!

Was ich in der „Woche ohne Lügen, fast“ viel getan habe: Ich habe nachgedacht.
Kein Wunder. Während alle Kollegen am Mittagstisch quatschten, hab ich mich zurückgehalten. Warum sollte ich in eine Unterhaltung, die sich um Skateboardfahren drehte, mit einsteigen: Jede Behauptung, ich hätte Ahnung vom Thema (oder nur eine Meinung), wäre meilenweit übertrieben (bzw. gelogen) gewesen.
Ja. Wahr ist: Ich hatte zwei Skateboards. Eines war breit und klobig. Das andere schmal und aus Hartplastik. Aber wahr ist auch: Ich habe keine Ahnung warum das eine oder das andere benutzen, geschweige denn überhaupt Skateboard fahren sollte. Ich stand drei Mal drauf, bin runter gefahren und seitdem liegen die Bretter bei meinen Eltern im Keller. Wer so wild auf halsbrecherische Abenteuer im Straßenverkehr ist: Fahrräder werden immer noch gebaut, oder?

Mein Nachdenken hat mich auf einiges gebracht. Unter anderem: Die größte Lüge meines Lebens. Und die ist: Ich fühle mich alt.
Natürlich ist das nicht die größte Lüge meines Lebens. Aber eine, definitiv.
Ich fühle mich nicht alt. Ich fühle mich noch genauso wie vor zehn Jahren, eigentlich wie vor zwanzig. Ruhiger bin ich geworden. Aber in bestimmten Situationen werde ich noch genauso nervös. Sogar nervöser! Ich singe laute Gangster-Rap-Lieder mit, mache andauernd das Lichtschwert-Geräusch (z.B. wenn ich mir – unbeobachtet – am Sonntag ein Brötchen schmiere) und fühle mich absolut unwohl in allen Schuhen, die keine Turnschuhe sind!
Trotzdem denke ich: Die Gesellschaft … nein. Streichen wir das. Andere Menschen erwarten von mir, mit meinem Alter zu kokettieren. Weil sonst, hätte ich kein Recht Kapuzenpullover zu tragen. Hätte ich kein Recht T-Shirts mit Spreeshark-Aufdruck zu tragen, oder zwei Nächte in Folge Starcraft 2 zu spielen.
Natürlich ist das ein Klischee. Auch noch so eine Lüge. Als wären wir keine Klischees. Ich bin ein Klischee. Und fühl mich pudelwohl als Klischee, obwohl ich dauernd versuche so zu erscheinen, als würde ich keins sein.

Klischees sind auch Lügen. In dem Sinne, dass sie mein Leben viel einfacher machen.
Das Leben ist auch viel einfacher ohne Experimente. Wenn man ausgetretene, statt überwucherte Pfade entlang läuft. (Wow. Noch so ein schlechter Satz fürs Poesiealbum.) Ohne Experimente findet man allerdings nichts raus. (Hammer Erkenntnis! Und Marie Curie klatscht Beifall!)
Was bisher ne Lüge war: Ich bin experimentierfreudig. Ich bin offen. Ich bin ehrlich. Ich gehe den steinigen, den überwucherten Weg.
Aber das muss ja keine Lüge bleiben.

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