Kennen Sie das? Auf einer Party wird das lustige Partyspiel „Was ist Dein Porno-Name?“ gespielt?
Natürlich heißt es nicht wirklich so. Mehr: „Wie wäre Dein Pornodarsteller-Name?“.
Meistens erklärt dann ein bebrillter Intellektueller in Tweed-Jackett und mit diesem leicht ranzigen Eindruck das „Porno-Namen meistens aus dem Namen des ersten Haustiers und der Straße, in der man aufgewachsen ist“ bestehen.
Was für gewöhnlich vollkommener Schwachsinn ist.
Ich kenne niemanden der sein Haustier Kelly nennt. Und zeig’ mir einer die Straße in Deutschland, die Trump-Allee oder Buster-Weg heißt.
Irgendjemand hat aus irgendeinem mittel- bis zweitklassigen amerikanischen Film dieses Spiel adoptiert und dann in deutsche WGs eingeführt. Und die Prenz’lberger gehen darauf ab wie Schmidts und Müllers und sowieso alle Katzen.
Da zeigt sich die verklemmte Kleinstadt-Proletarie. Sinologie studieren, aber statt die Kurzfilme im Arte-Nachtprogramm die Sexy Sportclips gucken.
Feine Bande.
Was uns zur Tatsache führt: Unsexualisiert aufgezogene Kinder, in modernen Großstadt-Kinderläden (als gäbe es nicht genug was man vermarkten kann, stellen sich jetzt auch noch die Freunde des freien Libanon an und feilschen um ihre Brutpflege), werden dieser Tage unvorbereitet und ungenügend auf die moderne Welt losgelassen.
Als früher noch Jim Knopf, ein eindeutig schwarzer Junger, dem weißen Kind die furchtsame Toleranz gegenüber der Willensstärke des schwarzen Mannes lehrte, gibt es heute asexuelle Affen. Dodo, der kleine Affe. Ein eindeutig nicht eindeutig geschlechtlicher Affe tobt mit seinen buntgefärbten Einerlei-Freunden durch einen anti-sexualisierten Urwald. Wie soll sich da ein junges Mädchen auf den anstehenden Kampf am Arbeitsmarkt und auf sexistische Witze vorbereiten? Bei Jim Knopf war immerhin klar: Die Prinzessin war Prinzessin, und sonst nichts. Hier wurde Rollenbild entworfen und gleichzeitig bewusst gemacht: Wenn Du mehr als Prinzessin sein, und vom bösen Drachen Mahlzahn nicht versklavt werden willst, musst Du handeln wie ein schwarzer Junge: Mutig und gestanden. So!
Deswegen fordere ich: Es muss wieder das Erkennen des Rassismus schon in den Kinderzimmern gelehrt werden.
Ein schwarzer Präsident von Amerika darf nicht das Ende, es muss der Anfang sein. Als Erstes: In einer Ben Stiller-Komödie müssen Mischehen Einzug halten (und Jeremy Piven redet mit Nia Long zehn geschlagene Minuten über Blowjobs). Außerdem: Eine neue CSI-Serie, vielleicht Baltimore, muss einen Schwarzen als Leiter der Abteilung haben (Chiwetel Ejiofor, dann kriegen die auch endlich ihren Emmy für besten Darsteller!). Darüber hinaus: Türken sollen nicht nur in Tatorten ermitteln, sie müssen Talkshows im ARD-Abendprogramm moderieren. Talksshows in denen Ehrenmorde und Radikalismus diskutiert werden. Darüber hinaus ein literarisches Quartett mit einem Juden (muss nicht Marcel sein, aber Michel auch nicht), einem Preußen und einem Moslem (vielleicht hat der Khaled ja Zeit).
Soviel dazu.
Karnickel
Sicherlich ist es nicht einfach den Weg zu finden, gerade dann wenn die Straßenbeleuchtung aus ist. Aber wozu gibt es sonst Bordsteine?
Wenn Umgangssprache „Freiheit am Wort“ ist, wann kriegt Walser seinen Lagerkoller?
Wer meint eigentlich, dass es unhöflich ist, beim Abspann schon aufzustehen? Klar kommt manchmal noch was. Aber häufiger eben nicht. Wenn das, was kommt, wirklich wichtig wäre: Jemand hätte es vor den Abspann geschnitten.
Ich bin begeistert. Nicht vom WEG, aber von Denen, die ihn gehen. Alle sprechen vom Netz. Konzerte sind wieder wichtiger. Ich hab’ soo lange keine gute Live-Musik mehr gehört. Spielt weiter. Bitte spielt weiter. Die Musik ist nicht verloren. Nein. Es scheint, als hätte sie kurz nach dem Beginn des neuen Jahrtausend kurz eingeatmet, alles stand still, Herbert Grönemeyer sag weiter sinnentleerte Texte und man sah DSDS. Aber dann … dann fand die Hamburger Schule zu guter Musik zurück, entwickelte sich gar etwas weiter, es wurde gerockt – weltweit, und sogar die Jungs aus Elmshorn sind erwachsen, aber nicht hirntot. Danke. Ich bin begeistert.
Entgegen landläufiger Meinungen sind wir im Literaturdeutschland auch nicht verloren. Okay: Der letzte Nobelpreis ging an einen Nazi, aber woher nehmen?
Der Nächste geht bestimmt an niemanden ohne Biotonne.
Allgemein ist Gewissen doch schon zu bevorzugen. Gerade was die kleinen Dinge betrifft: Buchcover die nicht hässliche Männerfüße zeigen, die entweder in Socken oder aufgerüffelten Kniestrümpfen stecken. (Einfach mal bei Dussmann vom Präsentiertisch fegen. Hellblau, Grasgrün. Das sind keine Farben, dass sind „Downmixes“. Urfarben, oder Grundfarben, die fehlen mir.) Allgemein haben wir ja auch, und es ist schön für einen Allgemeinplatz etwas aus der Allgemeinheit zu nehmen, einen „Sturm“ zum besonderen Wort: Allein wie Heinz Strunk schon redet. Da hat man bei jedem Wort das Gefühl, er denkt es sich beim Sprechen erst aus.
Ich will nicht in der U-Bahn hören wie jemand einen halben Mario Barth-Sketch nacherzählt und schon bei „Lauchvinaigrette“ lacht das demente Publikum. Alle kennen alles und alles ist besonders, besonders abgefuckt. Unterhaltet euch normal, redet nicht in Comedy-Anekdoten. Durch die Kollektiv-Demenz kann man aber auch den hinterletzten Witz gleich vier Mal in der Stunde erzählen und es lacht trotzdem auch der, der den Witz schon beim ersten Mal nicht verstanden hat. Und wenn keiner lacht? Schonmal tödliche Stille erlebt? Nein. Ach, bestimmt. Aber es ist zu scheiß-schmerzhaft. Ist es nicht?
Dieses kalte Gefühl, wenn man denk, man ist witzig und es lacht aber keiner. Wenn man immer weiter redet, aber es wird nicht besser. Ein paar Zuhörer ringen sich ein Lächeln ab, doch man weiß: Halt die Schnauze! Mir geht das dauernd so, auch wenn mal niemand nicht lacht. Ich rede zu viel. Ich schreibe zu wenig. Schreiben ist wie das öffentlichrechtliche Fernsehen, bevor es auch dort Werbung gab (Hypokriten!). Reden ist wie Privatfernsehen. Bunt, ausgeschmückt, inhaltslos. Die Form stimmt (jedenfalls manchmal).
Lest mehr deutsche Bücher. Lest allgemein mehr. Schreibt mehr. Schreibt Briefe. Ich wünsche mir einen Brief zu bekommen. Ich wünsche mir genug Mut einen echten Brief zu schreiben. Ich wünsche mir aber vorher eine leserliche Handschrift.
Die romantische Definition eines Kinofilms ist: Das, was läuft, wenn man zwei Stunden still neben jemandem sitzt den man mag.
Es sollte nicht zu anstrengend sein. Natürlich. Kann aber auch anders. Dann redet man hinterher drüber.
Es sollte gut aussehen. Hundertprozent. Kann aber auch anders. Dann urteilt man hinterher drüber.
Es sollte passen. Jap.
Deutsches Kino ist nicht verloren. In Amerika machen sie sich zwar drüber lustig („Ich bei jeder Art von Film Regie führen, außer Stummfilme oder deutsche.“), aber die haben drei Teile vom High-School-Musical gemacht. In Indien machen sie sich nicht drüber lustig, kennen die gar nicht. In Korea, Japan, Russland, England, Frankreich und Italien … die machen selber was. Machen es neu, machen es anders. Machen es. Machen es zum sehen. Es ist ein Film, gottverdammt. Ein Film, kein Kaugummi und auch keine Languste. Es muss Schlafsack und nicht Kopftuch sein!
Wir sind nicht verloren und eir haben auch noch nicht verloren. Die erste Runde hat noch nicht mal richtig angefangen. Dreht das Radio auf, haltet die Klappe und fahrt zum Kino. Vielleicht verschenkt ihr zu wenig Bücher, wenigstens die Bücher – die ihr selber nie gelesen habt.
Und: Niemand mag neunmalkluge Igel. Welches Lebenwesen hat schon Stacheln? Die müssen bestimmt irgendwas kompensieren …
Nigelnagelneue Welt
Im Jahre 2009, gegen Ende, wird es eine Revolution geben. Keine besonders auffällige Revolution. Vielleicht wird sie zuerst nur als Fußnote in der Geschichte betrachtet, aber die Auswirkungen werden schon bald auf dem gesamten Erdball spürbar sein.
Der amerikanische Kongress wird ein Gesetz verabschieden, angestoßen von der frisch vereidigten Präsidentin der Vereinigten Staaten, Sarah Palin, welches sich einer Änderung des Schriftbildes widmet: Es gibt keine Kleinschreibung mehr. Alles wird groß geschrieben.
Zuerst kriegen das nur die Wenigsten mit, schließlich sind alle noch zu bestürzt das John MacCain bei einem Abendessen in Berlin, gegenüber von Neu-Bundespräsident Peter Sodann, einfach auf seinen Teller mit Reh-Rücken gekippt und nicht mehr hochgekommen ist. Ein schwerer Verlust, den selbst der einstige Rivale von John MacCain, „B-Bob-Beat“ Obama (mittlerweile mit seiner Band „Kula Shaker and the Hope for Change“, in der er Beatboxt, Bill Clinton Klarinette statt Saxophon spielt, Ralph Nader auf dem Kamm bläst und Chris Rock rappt, auf Welttournee) tief bedauert.
Nur langsam, wie eben noch tief schlafende Kaninchen während eines heraufziehenden Unwetters, erwacht die Welt langsam wieder aus der Trauer. Doch es ist zu spät:
Zeitungen müssen mittlerweile Artikel in Druckbuchstaben veröffentlichen, Milan Kundera wird auf den Stufen vor dem Kapitol verbrannt … nicht er natürlich, seine Bücher! (Schließlich entspricht das Groß/Klein-Schriftbild nicht mehr der aktuellen Norm / Als hätten die religiöse Fanatikerin im weißen Haus so etwas als Ausrede gebraucht!) Schließlich werden auch alle „veralteten“ Gesetzestexte und Verfassungszusätze von State-Troopern aus Alaska eingesammelt und in tausenden Shreddern vor Publikum auf einer Ölplattform in der Bering See vernichtet. Die neu ausgegebenen Gesetze sind dann lediglich groß gedruckte Auszüge aus Alaskas Anweisungen zum Gebrauch von Schusswaffen und Werbetexte der Öl-Industrie. Sie werden auch in Europa veröffentlicht und von Gordon Brown, als letzter Rektal-Versuch sein Amt als Premierminister mit Gewalt von Außen zu halten, als Zusätze zur EU-Verfassung vorgeschlagen. (Ein Beispiel:)
„ERSTER GRUNDSATZ: SCHIESSEN SIE MIT IHRER GROSSKALIBER-WAFFE NUR AUS HUBSCHRAUBERN AUF BEDROHTE TIERARTEN, WIE BRAUNBÄREN ODER PUMAS. SOLLTE DER BÄR ODER DER PUMA NACH DEM ERSTEN SCHUSS NUR VERWUNDET SEIN, KANN ER SIE IM HUBSCHRAUBER NICHT ERREICHEN: [ZUSATZ: BEDROHTE VOGELARTEN, WIE DEN WEISSKOPFADLER, SOLLTEN SIE BEI NACHT JAGEN (MIT ENTSPRECHENDEN AUSRÜSTUNGSGEGENSTÄNDEN, WIE NACHTSICHTGERÄT ODER SPLITTERGRANATE: ERHÄLTLICH BEI ALLEN WAL-MART-FILIALEN!)]
Neben den neuen Gesetzen in Amerika, wird die Groß-Schreibe-Reform (wie sie allüberall genannt wird) aber noch einen weiteren, entscheidenden Faktor haben: Das World-Wide-Web bricht zusammen.
Wie kommt es dazu?
Im Zuge der Einführung und Durchsetzung der „NO-LOWER-CASE“-Policy werden an sämtlichen Universitäten und allen staatlichen Einrichtungen der USA und seiner Verbündeten (ansonsten gibt’s keine Unterstützung mehr vom auserwählten Volk), alle Tastaturen eingezogen und durch neue Tastaturen im Camouflage-Stil und mit einfacher Tastenbelegung ersetzt. Darüber hinaus wird nach Windows Vista das neue Windows Pureblind eingeführt. Windows Pureblind unterstützt nur die neuen Tatstaturen und verweigert die Verwendung sonstiger Eingabegeräte (Mäuse sind sowieso vom Teufel) und besonders der alten Tastaturen mit Tasten-Doppelbelegung. Auf den neuen Tatstaturen fehlt zudem das Zeichen @, genauso wie der Punkt. Sätze werden nunmehr nur noch mit Doppelpunkt oder einem Ausrufezeichen beendet. Web-Adressen sind in den neuen Google-Browser „China-Edition“ nicht mehr einzugeben. Die voreingestellte Startseite (und damit auch Endseite) aller Browser ist [..]
Aber ich will nicht überdramatisieren. 51 zu 45 das es nicht so kommt. Und nurnoch 20 Tage …
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter
[LCD-Soundsystem: New York, I Love You, But you’re bringing me down]
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter.
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter.
Wie Haldern im Regen,
ohne Ravioli, deswegen.
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter.
Berlin, Du bist dreckig,
das ist egal.
Ob Urin auf dem Bahnsteig,
und daneben Fäkal.
Es ist nicht das was mich stört,
obwohl sich’s auch nicht gehört:
Gibt doch City-Toiletten,
die keiner benutzt.
Berlin, was wirklich stinkt,
ist nicht Ö-P-N-V:
Gibt kein Geld für Kulturbetrieb,
oder für Städtebau.
Und trotzdem haben Sie jetzt,
neben den Reichstag gesetzt,
einen Hauptbahnhof-Klotz,
der keinem gefällt.
Berlin, ich mag Dich,
aber Du machst mich verrückt.
Mit den feiernden Schwulen,
und den Ravern beglückt.
Sanfte Drogen-Politik,
dank linkem Wahlsieg.
Berlin, ich mag Dich,
aber Du machst mich verrückt.
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter.
Berlin, ich mag Dich, aber Du ziehst mich runter.
Wie der Pate im Kino,
aber ohne Al Pacino.
Eben doch noch ganz nett,
aber mehr eben nicht.
Und: Oh! Nimm mich aus dem eMail-Verteiler,
Hünfeld war sowieso irgendwie viel geiler,
… ja, sowieso irgendwie viel geiler.
Vielleicht lieg’ ich falsch, oder Du liegst doch richtig.
Vielleicht lieg’ ich falsch, und Du liegst doch richtig.
Vielleicht liegst Du richtig, vielleicht lieg’ ich falsch.
Und nur vielleicht liegst Du richtig.
Und: Oh! Vielleicht hast Du doch Recht,
und es ist hier gar nicht so schlecht,
und ich bin doch nicht alleine.
Aber vielleicht liegst Du falsch, und vielleicht lieg’ ich richtig.
Und nur vielleicht liegst Du richtig.
Vielleicht liegst Du falsch,
vielleicht lieg’ ich richtig,
falls so: dann eben nicht.
Jobinterview
Ein klinischer Raum. Keine Fenster. Ein Motivationsposter hängt an der Wand:
„Größe erwächst durch die kleinen Schritte.“ Darunter ist eine Ameise abgebildet und der wichtige Hinweis, der das Poster erst so richtig sinnhaft macht: „Ameisen können bis zum zehnfachen ihres eigenen Körpergewichtes tragen.“
Der hier Wartende, ältere Mann, betrachtet das Poster stumm. Seine Stirn, unter dem dünnen, grauen Haupthaar, legt sich in Falten. Da geht die Tür auf und ein junger Mann in einem dunkelgrünen Anzug und mit roter Krawatte kommt herein.
„Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten.“
Der ältere Mann nickt nur und der jüngere Mann setzt sich ihm gegenüber und klappt eine Akte auf.
„So“, beginnt der jüngere Mann. „Dann fangen wir gleich an. Sie sind hier wegen …“
Der jüngere Mann sucht kurz in der Akte, dann sieht er was er gesucht hat.
„Ah, ja. Sehe schon, sehe schon. Herr-äh …“
Der ältere Mann streckt schnell seine Hand vor.
„Nennen Sie mich Günther.“
„Ah, ja … gut.“
Der jüngere Mann schüttelt kurz und etwas befremdet die Hand des älteren Mannes, dann entdeckt er einen Pin an dessen Revers.
„Gut … Günther. Ah! Was ist das für ein Pin, der Ihnen … ich meine: Dir da am Revers … äh …“
Der ältere Mann folgt den Blicken des jüngeren Mannes und beginnt dann den Pin abzumachen.
„Oh. Das ist nur das Logo meines früheren Arbeitgebers.“
Der ältere Mann steckt den Pin ein.
„Okay. Aber nicht das mir das noch mal passiert. Du kriegst einen Pin von uns, Günther.“
Der ältere Mann ringt sich ein Lächeln ab.
„Gut“, fährt der jüngere Mann fort. „Dann wollen wir mal sehen: Was hast Du bisher so gemacht, Günther? Was für eine Ausbildung hast Du?“
„Abitur.“
„Aha.“
„In Bayern.“
„Oh. Aber nicht relevant.“
„Ich hab’ Jura studiert.“
„Hm.“
„Ich hatte eine eigene Kanzlei.“
„Interessant. Aber auch nicht relevant.“
„Dann hab’ ich die falschen Leute kennen gelernt.“
„Passiert uns allen.“
„Und ich hab’ bei einem Großkonzern angefangen.“
„Uh.“
„Ja.“
„Wann war das?“
„1974“
„Hu. Ganz schön lange her.“
„Ja. Mir kommt es vor wie gestern.“
„Wie lange warst Du da?“
„Bis vor ein paar Tagen.“
„Autsch.“
„Ja. Ich hab’ ganz Unten angefangen …“
„Verstehe.“
„Und hab’ mich hochgearbeitet.“
„Nicht schlecht.“
„Aber als ich Oben angekommen war, war es gar nicht so schön wie ich dachte.“
„Aha.“
„Zwischendurch wollte ich zum Mutterkonzern.“
„Aber?“
„Die sitzen in Berlin.“
„Und?“
„Ich mag’ Berlin nicht so.“
„Keine Freunde?“
„Einer vielleicht. Aber der war dann auch irgendwann weg. Wir mochten uns aber, obwohl er bei einem anderen Konzern gearbeitet hat. Hatten die gleichen Werte. Gleiche Ängste. Er mag auch keine Ausländer.“
„Hat er einen ähnlichen Job gehabt wie Du?“
„Auf Bundesebene, ja.“
„Verstehe. Habt ihr noch Kontakt?“
„Selten. Ich komm so schlecht raus aus Bayern.“
„Hm.“
„Ich war aber in Rom.“
„Papst gesehen?“
„Gesprochen.“
„Uh. Beeindruckend. Leider auch nicht relevant. Wie ist das abgelaufen, das Du aus dem Konzern rausgeflogen bist.“
„Ich bin nicht rausgeflogen.“
„Nein?“
„Ich gehen von ganz alleine. Man mochte mich nicht mehr so.“
„Aha.“
„Ja. Mein ehemaliger Chef, der der vor mir dran war, wollte zum Mutterkonzern nach Berlin, ist aber dann doch nicht gegangen. Arschloch.“
„Hui.“
„Ist doch wahr.“
„Erzähl’ weiter.“
„Ich dachte ich könnte den Konzern übernehmen, er kam zurück und ich musste wieder zurückstecken. Ich muss immer zurückstecken.“
„Ja, ja. Erzähl’ weiter.“
„Dann hab’ ich so getan als wäre alles abgehakt und hab’ an seinem Stuhl gesägt.“
„Verständlich.“
„Dann war er den Anderen doch zu peinlich und ich hab’ großzügig übernommen.“
„Fein gemacht.“
„Ja, oder?“
„Und dann?“
„Dann hab’ ich die Karre vor die Wand gesetzt. Die Kunden sind uns weggelaufen, haben bei anderen Konzernen gekauft. Alles Scheiße.“
„Verstehe.“
„War voll doof. Jetzt muss ich gehen.“
„Aha.“
„Ich meine: Ich will auch.“
„Deswegen bist Du ja hier.“
„Aber ich sag’ es lieber vorher: Ich fahre eine harte Linie.“
„Ist okay, Günther.“
„Killerspiele sind wie Pornos, Vandalisten gehören erschossen und eMails von allen Ausländern überwacht.“
„Ho, ho … Günther, nicht so schnell.“
„Ist doch wahr!“
„Hast Du auch mit irgendwas keine Probleme?“
„Alkohol am Steuer.“
„Na gut.“
Der jüngere Mann klappt die Akte zu und reicht dem ältere Mann die Hand über den Tisch.
„Dann haben wir wohl alles. Willkommen bei MacDonalds an der Kasse, Herr Beckstein.“
Plausch
Abschrift einer Online-Spiel-Kommunikation:
[Alle Namen, bis auf meinen natürlich, geändert.]
Floris [2008-09-11 12:21:04]
What a wonderful day. Die Sonne durchbricht den diesigen Himmel über Berlin, Müllwagen donnern melodisch über den schlechten Asphalt, komplettieren sich in einer Symphonie aus Quietschen, Hupen und Rumpeln, schreiende Kinder wetzen über geteerte Spielplätze, schlagen sich die jungen Knochen auf und schreien herzerwärmend. Hach!
Spieler 1 [2008-09-11 12:50:59]
ähnliche geräuschkulisse erreicht mich durch das offene fenster zu hofe ebenfalls, jedoch reduziert um das wärmende geplärre der kinder, da diese in unserem Industriebetrieb noch nicht arbeiten dürfen… !
Floris [2008-09-11 13:13:39]
Aber bald. Bald wird es wieder Kinderarbeit geben. Sklavenschiffe werden nubische Heerscharen gen Norden bringen und die alte Ordnung wieder wiederauferstehen.
Spieler 2 [2008-09-11 13:13:43]
Würde ich auf die Entspannungsmusi, die mich per internetradio erreicht, und meine ohren mittels kopfhörer umschmeichelt verzichten, so würde ich die geräusche umgeblätterter zeitungs- und buchseiten, sowie das unrythmische geklapper verschiedenster Laptoptastaturen vernehmen.
Floris [2008-09-11 13:21:16]
Ahh… die Geräuschkulisse der modernen Welt. Die Post-1984-Generation mit ihrer Selbstkasteiung durch technisch kannibalisierte Kommunikation. Gespräche werden mit „drück dich“ beendet, Ghettosprache, so erklärt uns der halbe Dollar, verkehrt „bad“ in gut und „fett“ in geil. Es ist eine sagenhafte Welt, eine Welt der Mythen. In der von Gott gesandte Alaska-Hühner ins Weiße Haus wollen, wir zu einem Jungen mit Narbe auf der Stirn und Hornbrille beten und anderswo seine Bücher verbrannt werden. Eine Welt der Information, nicht des Wissens. Bücherseiten, statt Konversation. Symplifizierte Arabesken, statt Beobachtung, Aufmerksamkeit und Austausch.
Wait. What the hell I’m talkin‘ about?
Oh. Have to go. Oprah is on.
Jason Segel – Dracula’s Lament
[transilvanischer Akzent]
It’s getting kind of hard to believe things are going to get better.
I’ve been drowning too long to believe that the tide’s going to turn.
I’ve been living too hard to believe things are going to get easier now.
I’m still trying to shake off the pain from the lessons I’ve learned.
And if I see Van Helsing I swear to the lord I will slay him.
… AH-HAH-HAH-HAH!
He’d take you from me, but I swear I won’t let it be so.
… AH-HAH-HAH-HAH!
Blood will run down his face when he is decapited.
… AH!
His head on my mantle is how I will let this world know: how much I love you.
…
Die.
…
Die.
…
Die.
…
I can’t.
Was mein’ ist
Galileo Galilei wird in Bertold Brechts „Leben des Galilei“ vorgeworfen er hätte der venezianischen Regierung die Erfindung des Fernrohrs als seine eigene Erfindung vorgestellt. Galilei hatte ein Jahr zuvor von Lippersheys „holländischem“ Fernrohr erfahren und lediglich etwas am Schliff der Linsen herumgespielt (dies ist natürlich eine Untertreibung: Galilei lernte extra die Kunst des Linsenschliffs um ein Fernrohr zu konstruieren, mit dem er sogar die vier großen Monde des Jupiters von der Erde aus entdecken konnte). Egal ob man Brecht glaubt oder nicht: Es bleibt ein fader Beigeschmack. Niemand mag jemanden der Ideen klaut.
In der Schule beschuldigte mich meine Deutschlehrerin einmal einen Aufsatz aus der Zeitung abgeschrieben zu haben. Allerdings ohne auch nur einen Blick in eine Zeitung zu werfen oder irgendeinen Beweis für meinen Betrug vorzulegen. Sie sagte damals ich wäre „gar nicht in der Lage gewesen einen solchen Aufsatz zu schreiben“, jedenfalls nicht so einen wie ich abgegeben hatte. Ich möchte nicht sagen das mein Aufsatz tatsächlich so besonders gut war, oder mein Talent herausragend für mein Alter war, aber: Das Gefühl das ich damals hatte … dieses gelähmte Gefühl. Ohnmächtig fast, aber mit tausend schreienden Stimmen im Kopf. Das Gefühl werde ich nie vergessen. An dem Aufsatz hätte ich nämlich zwei Tage gesessen und nicht eine Silbe irgendwo abgeschrieben.
Nicht viel anders ist es wenn jemandem eine Idee geraubt wird. Wie gerade beschrieben in David Mamets neuem Film „Redbelt“. Ein großartiger Film, nebenbei. So eine Art „Crash“ trifft „Karate Tiger“. Ohne Witz. Die Kampfszenen des, sich zum neuen Denzel Washington mausernden, großartigen Chiwetel Ejiofor sind, genauso wie sein Spiel, ohne Schnörkel und deswegen umso beeindruckender. (An dieser Stelle fällt mir auf: Es ist schon geradezu rassistisch von jedem neuen, schwarzen Schauspieler als „neuer Denzel Washington“ zu sprechen. Auf der einen Seite: Denzel Washington ist nicht der allerbeste Schauspieler. Und auf der anderen Seite: Schwarze Schauspieler sind in anspruchsvollen und nicht mit absoluten Klischees überfrachteten Rollen leider rar. Niemand traut sich mal anders zu besetzten! Einen Exkurs über „schwarzes Kino“, wie es Jade Pinkett einmal in „Scream 2“ nannte, will ich an anderer Stelle fortführen. Soviel sei aber gesagt: Ice Cube kommt dabei nicht besonders gut weg!)
Also „Redbelt“: Der Besitzer eines Jiu-Jitsu-Studios in L.A. rettet bei einer Kneipenschlägerei einem Action-Film-Schauspieler (Tim Allen – leider mehr als abwesend spielend) und kann sich leider nur kurz über den neuen Freund im Showbusiness freuen, durch den ihm nämlich bald seine kreative Wettkampfmethode geklaut wird und er sie nur über die bewusstlos geschlagenen Körper alter Nebenbuhler zurückfordern kann.
Klingt nicht nach viel, aber wer Mamet kennt: Der alte Meister macht da ne Menge draus.
Ein ähnlicher Ideenklau wird auch im neuen Film mit Greg Kinnear „Flash of Genius“ weniger mit Faustkämpfen, dafür mehr mit juristischen Streitereien gelöst. Im Trailer zum Film (der „Catch me if you can“ mässig abgefilmt und ähnlich dramatisch – Augenzwinkern – aussieht) scheint es ganz so als würde im Amerika der sechziger Jahre ein Erfinder für die Rechte am elektrischen Scheibenwischer kämpfen, den er erfunden haben soll, und so der Ford Motor Company vor Gericht gegenüberstehen. Alles wohl basierend auf wahren Begebenheiten … allerdings macht mich da eine schnelle Wikipedia-Suche stutzig:
Schon 1926 kam Bosch in Deutschland mit einem elektronisch angetriebenen Wischschwamm auf den Markt und Baron Rothschild baute dann 1929 einen ersten elektrischen Scheibenwischer in einen Bugatti ein … also: Ich weiß ja das Wikipedia nicht immer ganz zu trauen ist, aber … hm … ich will nicht wissen beim wem sich dieser (von Greg Kinnear bestimmt wieder einmal eloquent dargestellte) amerikanische Erfinder mit seinen Ideen bedient hat. Andererseits würde ich Ford und eigentlich jedem Großunternehmen zutrauen so ungefähr alles an Ideen zu klauen was der Markt hergibt. Da fällt mir ein:
Ein paar Ideen die ich hier mal ganz frei und ohne Probleme vorstellen will …
Erstens: Geschmackskeyboards für Sehschwache. Das „B“ schmeckt wie Blaubeeren, „C“ schmeckt nach Clementinen und „K“ schmeckt wie – – –
Zweitens: Milch-Zero! Null Fett, Null Kalorien … eigentlich nur weißes Wasser!
Drittens: Ein-Weg-DVDs … ach nee. Die gibt’s ja schon. (Der größte Schwachsinn, by the way!) Dann doch lieber noch was Orales: Handy-Dynamo-Zahnbürsten. Ganz tolle Erfindung: Wenn man mal wieder lange unterwegs ist und man noch ein wichtiges Gespräch führen will, aber mal wieder der Akku leer ist, dann setzt man die Handy-Dynamo-Zahnbürste auf. Durch eine kreisförmige Bewegung im Mundraum wird Energie gewonnen und es kann wieder telefoniert werden. Außerdem (sozusagen die Perpetomobile-Geschichte an der ganzen Sache!) hat man immer saubere Zähne!
Hm? Was für euch dabei? Anale Ideen gibt’s beim nächsten Mal …
Cheers!