Archiv der Kategorie: Im Veedel

Block 2

5.11. (Map of your Head)
Ich saß im Bus heut’ Hinten. Normalerweise setze ich mich da nicht hin. Nicht wegen der Bedeutung (siehe: Dieser tolle Film von diesem engagierten Science-Fiction-Regisseur mit dem komischen Namen). Ich sitze nur normalerweise irgendwo in der Mitte. Am Fenster, ja, aber eben in der Mitte. Heute nicht. Heute war der Bus leer als ich einstieg. End- beziehungsweise Anfangshaltestelle. Also setze ich mich nach Hinten. Stöpsel rein und losgehört. Irgendwann fuhr der Bus auch los. Eine Station, zwei Stationen … dann stieg ein recht kahlköpfiger Typ in Bomberjacke und mit einer dünnen Aktenmappe ein und setzte sich neben mich … an die andere Seite von Hinten. Zuerst hab’ ich natürlich nichts gedacht. Mein Gott, ein typischer Glatzkopf. Ein bisschen türkisch sah er aus. Aber, Hey. Soweit gehen unsere Vorurteile doch. Entweder Glatze oder so wie Gel in den Haaren, dass es kaum noch Haare sind die da stehen. Immer schön maskulin und gefährlich aussehen. So denken wird doch. Manchmal denke ich doch so? Was mich an dem Glatzkopf neben mir schon verwundert hat, war die ruckartige Art mit der er sich bewegt hat. Dann hat er auch noch dauernd seinen Kopf im Kreis gedreht, so als hätte er eine Verspannung im Nacken oder einen steifen Hals. Und er sah sich dauernd um. Fuhr da etwa jemand hinter uns? Dann begann er zu telefonieren. Ich hab’ Musik gehört und nichts verstanden, aber irgendwas war laut. Laut und unzufrieden. Ein bisschen ist das ja auch normal für Türken. Denken wir doch. Dachte ich. Plötzlich fiel mir ein: Die Haltestelle an der er zugestiegen ist, ist die Haltestelle der JVA. Warum hatte er noch mal diese Akte dabei? Entlassungspapiere? Was stand’ da auf seinem Pullover? Das hatte ich doch bestimmt gelesen. Vorhin, als er einstieg und den schmalen Gang bis zu meiner Bank durchkam, oder? Irgendwas mit Sicherheitstechnik? Nein. Oder doch? Ein Wärter im Gefängnis? Gibt es den Begriff Wärter eigentlich noch? Heißen die jetzt nicht alle Sicherheit oder einfach Security? Aber was war das für eine Akte? Vielleicht ein ehemaliger Türsteher, wegen Gewalt am Kunden verknackt? Mir fiel die silberne Uhr an meinem Handgelenk auf. Verdammte Uhr. Warum musst du nur so silbern glänzen. Dabei warst du doch gar nicht teuer. Vorsichtig schob ich den Ärmel meines Pullovers etwas nach Oben. Nicht viel, man ist ja nicht paranoid. Nur so viel, damit die Uhr verdeckt war. Mit wem telefonierte der Glatzkopf da? Sicherheitspersonal? Häftling? War das Deutsch, was er da ins Handy rief? Und Draußen, vor dem Fenster des Busses: Da rauschte eine Vorstadtsiedlung nach der nächsten Vorstadtsiedlung vorbei. Sieht man mehr Türken als Deutsche in U-Bahnen und Bussen? Mehr Türken des Nachts auf der Straße? Liegt es am Viertel? Liegt es an der Stadt? Wahrscheinlich. Sind es Türken, wenn sie so aussehen?

6.11.
„Multiplexe sind heutzutage sehr gefährliche Orte“, sagte einst eine Filmfigur. Selbstreferenz ist über kurz oder lang eine Unumgänglichkeit. Bei Allem, bei Jedem und überhaupt.
Das Gefühl, wenn man Lieder ausgehört hat, ist so ein Gefühl. Es ist wie das abschließen der Möbiusschleife. Man kommt am Anfang an und will nicht wieder los. Es gibt so Lieder. Man hört sie, hört sie und hört sie. Ist man die Kassette an ihnen vorbei, will man eigentlich zurückspulen und noch mal hören. Bei mp3s ist das natürlich einfacher. Man skipt zurück und hört noch mal. Man kann nie alle Lieder gleichzeitig gut finden. Deswegen findet man manche besser und dann wieder unerträglich. Wenn sich die Welt ausgehört hat, beginnt die Selbstreferenz. Als würde man im Plattenschrank suchen. Dort, wo man seit dem letzten Umsortieren nicht mehr nachgesehen hat. Einem kann es natürlich nicht passieren: Dem Boss. Irgendwie macht er andere Musik. (Und jetzt habe ich meinen High Fidelity Moment) Niemals unabdingbar zurück zu skippen, aber auch irgendwie immer da. Danke, Boss.

7.11.
Ilsebel salzte nach. Ohne sich weiter darüber aufzuregen, dass am Laucheintopf die bittere Geschmacksnote fehlte, die seit seiner Kindheit für Constantin dieses Gericht einzigartig und unverwechselbar im Wald der Doseneintöpfe machte, lugte der Winzer in üblicher Manier über seinen Katheder und rümpfte spießbürgerlich die verknollte Nase. Letztlich war es Brauch in seiner Familie, die Ehefrau am Herd ihrem Schicksal zu überlassen. Ilsebel oder, wie Constantin seine Frau auch liebevoll und gleichzeitig mit einer warmherzigen Stichelei rief, Ilselda, kämpfte sich nun mit der Kräutermühle weiter dem geschmacklichen Gleichnis einer Erfahrung aus ihrer eigenen Kindheit entgegen. Kleinbeigeben und etwa eines der vielen, zum Schutz in jahrzehntealte Zeitung eingeschlagenen, Kochbücher zu Rate ziehen hatte Ilsebel nicht vor. Lieber würde sie ins viktorianisch eingerichtete Esszimmer gehen, den, mit einem Porzellangriff versehenen, Hörer von der glänzenden Metallgabel des Fernsprechers nehmen und ihre Freundin Margarete aus dem entfernten Aubach konsultieren um sich letzte Ratschläge zur Abwendung eines kulinarischen Fiaskos einzuholen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Mit neu gewonnener Sicherheit griff Ilsebel erneut zum Streuer, führte den mit Reiskörner durchsetzen Salz im kunstvoll geschwungen-geblasenen Glasbehältnis über den brodelnden Süd im caramellbraun-umwandeten Topf und dosierte sparsam aber mit Nachdruck. Ein letztes Abschmecken später erhellte eine geradezu kindliches Lächeln, dass von Kriegswirren und zwei verstorbenen Ehemännern gezeichnete Gesicht der Winzer-Gattin.

8.11.
Es gibt sie einfach nicht mehr, die viel zitierte Waschsalonromantik. Deutsche Waschsalons sehen mehr und mehr wie Bahnhofstoiletten, und riechen auch so. Wahre Geschichte:
Ganz der junge Mann, mit wenig in der Waschtrommel und lesend darauf wartend, dass sich der Trockner endlich fertig geschleudert hat, sitze ich in einer dieser Wartehallen der Reinigungsindustrie, als ein Pärchen an mir vorbeiwankt. Zuerst denke ich mir nichts, dann erwischt mich die Alkoholfahne kalt und ich kann nur im letzten Moment den Würgereiz unterdrücken. Kann ein einzelner Mensch so riechen? Besser gefragt: Darf er das? Kleinkinder, an denen er vorbeigeht, haben doch sofort ihren ersten Rausch. Ich sage nichts, versuche weiter zu lesen und komme über den angefangenen Satz nicht hinaus.
„Dieeeter! Was muss ich da drücken?! Vierzisch oder Sechzisch Grad?!“
So ungefähr geht es zwanzig Minuten weiter. Zwischendurch hat die betrunkene Gestalt beinahe unbeabsichtigt meine Maschine geöffnet und in mehreren Anläufen es schließlich doch geschafft Waschmittel in – natürlich – das falsche Fach zu füllen. Sollte ich jemals geglaubt haben: Ach … Alkoholismus ist eigentlich auch kein schlechtes Lebensziel. Hier ist der Gegenbeweis. Eine menschliche Eierlikörflasche mit dem Artikulationsreichtum des quietschenden Rollstuhls von Harald Juhnke.
Eine eigene Waschmaschine ist ein Segen, soviel steht fest. Auch wenn die Idee von Besitz immer nicht so recht in das moderne, gesellschaftskritische Antlitz eines jungen Bildungsbürgers passt: Anders geht kaum … mir egal wie das klingt.

9.11.
VERBOTENE TRIEBE: Folge 2 „Auf fantastischen Vieren!“
Kurze Zusammenfassung der ersten Folge: Der Serienpsychopath hat dem Fahrer eines Kleinwagens einen Kugelschreiber in den Oberschenkel gerammt & Er hat, schon vor der Feiertagen, den Hund geschlachtet und unter die Butter gemischt. Sie hat ihn dafür getadelt.
Pick-Up: Indirekter Anschluss an erste Szene: Der Kleinwagen liegt im Straßengraben. Mit einer schweren Kopfwunde schleppt sich der Fahrer zurück zur Straße und versucht eines der vorbeirauschenden Autos anzuhalten. Er schreit: „Hey! Hilfe, ich —„ Ein dumpfes Gurgeln lässt ihn herumschrecken. Hinter ihm schält sich der Serienpsychopath aus dem Dunkel der Nacht und kommt mit einem blutverschmierten Grinsen auf ihn zu. „Du willst doch wohl nicht abhauen?“, fragt der Serienpsychopath und muss Blut husten. „Nein. Wieso?“, stellt sich der Fahrer dumm. „Dann ist ja gut.“ Mit einem Satz nach Vorne stößt der Serienpsychopath den Fahrer überraschenden auf die Straße, der Fahrer stolpert, fällt auf den Asphalt und rappelt sich schließlich auf. Fassungslos schaut er zurück: Der Serienpsychopath grinst. Der Fahrer bemerkt einen sich nähernden Scheinwerfer. Er schaut sich um. Dann wird er von einem LKW erfasst. Enden auf dem Serienpsychopathen, triumphal lachend und schließlich – unter seinen lebensgefährlichen Verletzungen nach dem Autounfall (während dem er nicht angeschnallt war!) – bewusstlos zusammenbrechend. TW.
Establishing Shot. Baumarkt. Ein Verkäufer in einem blauen Overall sortiert Nägel und Schrauben in ein Regal ein. Plötzlich taucht eine junge Frau hinter ihm auf. „Entschuldigen sie!“ Erschreckt dreht sich der Mitarbeiter um. „Ja?“ „Ich suche Kreissägen und Sägeblätter. Wo kann ich die finden?“ „Den Gang runter und dann Links.“ „Vielen Dank.“
Der Verkäufer beginnt schon weiter Nägel und Schrauben einzusortieren, als die junge Frau noch einmal nachhakt. „Welche Art von Säge würden sie für das Zerkleinern von Schienbeinknochen verwenden?“ Enden auf dem Verkäufer, überlegt.
(Ja. Das war definitiv zu viel Koffein.)

Block 1 Weekend Update

3.11.
Die Zutaten eines guten Studentenfutters (auch alle nötigen Bestandteile): Haselnüsse, Walnüsse, Mandeln (am besten blanchiert), Cashewkerne und Paranüsse, sowie natürlich Sultaninen. Das wichtigste Kriterium bei der Bewertung des richtigen, des guten Studentenfutters ist die Gewichtung oder besser: Die Zusammensetzung, also wie viel von was. Das große Problem der meisten Studentenfutter-Mischungen im Handel ist der viel zu große Anteil von Sultaninen oder im Volksmund Rosinen. Kein Student würde das jemals zugeben, aber Rosinen brauch eigentlich kein Mensch. Rosinen fungieren grundsätzlich als Bauschaum im Studentenfutter. Sie füllen, aber davon essen … Trotzdem strotzen Ültje & Co. in ihren Studentenfutterkombination nur so vor Rosinen. Ein wahrer Augenöffner war allerdings vor einer Woche die Studentenfutter oder auch Nuss-Frucht-Mischung von Aldi Süd. Gutes Verhältnis der Zutaten, gute Konsistenz. Nicht zu trocken, nicht aufgeweicht. Angepasste Menge. Aber warum nur Aldi Süd? Was soll dieser ganze Nord-Süd-Quatsch bei Aldi, anyway? Es ist gerade so, als hätten die beiden Besitzer-Brüder Deutschland unter sich aufgeteilt und entscheiden nun nach Gutdünken über das Wohlergehen der Konsumenten. Heute gibt es bei Nord einen Desktop-PC, bei Süd einen Laptop. Was ist wenn man in Bayern aber gerne mobil ist? Faschisten! Mein Vater hat es dabei gut. Kurz oberhalb von Fulda verläuft der Aldi-Äquator. Nur fünfzehn Minuten trennen hier die Nord- von den Süd-Geschäften. Dann also Homeoffice und noch einen Rechner für die Bahn. Das Leben kann so wunderbar sein. Da fällt mir ein: Darf ich eigentlich wieder bei Lidl einkaufen? Haben die jetzt einen Betriebsrat? Hat irgendjemand für die gestreikt oder ist auf die Straße gegangen? Nein? Heuchler. Aber für dickbäuchige Zugführer, die sich nicht mal den reellen Gefahren des mehrdimensionalen Straßenverkehrs stellen, einen Protestzug organisieren. Derweil schuften sich vierfache Mütter an Samstagen um den Verstand, ohne Hoffnung auf Weihnachtsgeld oder bezahlten Urlaub. Schweine seid ihr. Worüber haben wir noch mal gesprochen?

4.11
Krieg ich am Ende meiner Tage von Gott eine DVD mit dem Besten aus meinem Leben als 90-Minuten-Zusammenschnitt in die Hand gedrückt? Wenn ja, was für Lieder schaffen es auf den Soundtrack? Einmal Coldplay? Vielleicht Foo Fighters? Nein. Bestimmt nicht. Kommen die unzählbaren Stunden vor Need 4 Speed 2, 3, 4, 5, 6, 7 & 8 vor? Gibt es einen Halo-Zusammenschnitt? Fasst eine raue und weise Stimme meine Erfolge bei Tiger Woods PGA Tour 2007 zusammen? Was ist mit dem Spannungsbogen? Exposition: Geburt (oh! Spitze. Daran kann ich mich jetzt schon kaum mehr erinnern.), Jugend, Schule …
Leben sind wie Filme, oder besser: Ein Leben ist wie eine Marathonvorstellung von allen Police Academy Teilen. Und ich meine wirklich alle Teile. Auch dieser Schwachsinn im siebten Teil: „Operation Moskau“, oder wie der hieß. Was nämlich bei Police Academy wirklich beeindruckend war: Die Abwechslung von Klamauk, peinlichen Situationen, begrenzter Handlung und dann wieder der Anflug von Aktion (immer wieder durchsetzt mit halbseidenen Romanzen und sexuellen Anspielungen). Im Grund genau wie das Leben.
Was aber noch viel beeindruckender ist: Vorrangig ist die Existenz langweilig. So wie alle sieben Police Academy Teile nacheinander. Also wird die 90-Minuten-Zusammenschnitt-DVD dann auch nur ein Staubfänger in meinem Apartment im Himmel. Frag’ mich ob ich da auch Kabel hab’. Vielleicht sind alle Zimmer da serienmäßig mit Plasma-Fernsehern ausgestattet. Aber wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich haben die Matratzen in den Eins-Achtzig-Mal-Neunzig-Betten Schonbezüge drüber und überall riecht es nach Desinfektionsmittel. Ich kann mir Gott auch sehr gut als Meister Proper vorstellen. Die ganze Zeit am Putzen und immer mit diesen vor der Brust verschränkten, muskulösen aber doch nicht zu seiner Glatze passenden, Armen. Ob der Teufel wohl wie Dieter Bohlen aussieht? Und Mark Medlok ist sein Sohn.

Block 1

29.10.
Neuartig an dieser Stadt ist das Geräusch der Straße. Es ist alter Asphalt, der da am Boden liegt. Tausendmal geflickt, tausendmal erneuert. Aber eben alter Asphalt. Köln klingt westdeutsch, sieht westdeutsch aus und riecht sogar westdeutsch. Was nicht heißt: Köln stinkt nicht. Es stinkt. Es riecht, es müffelt. Aber eben westdeutsch. Vielleicht liegt es am Trinkwasser und dem Rest den es in den Urin der … ach. Lassen wir das.
Großartig ist die Tatsache, dass man am Montagabend an einer verlassenen Haltestelle im höchsten Norden des Tarifgebietes 1b in einen Bus steigen kann und eine immigrantisch klingende Frau und ein, allem Anschein nach, Flaschen-Egon (oder: Pfand-Sammler) mir den besten Weg nach Hause erklären. Simultan. Und vollkommen richtig. Ich meine nicht ungefähr. Ich meine vollkommen. Schlafwandlerisch. Beeindruckend. Jetzt werden wieder Einige fragen: Woher wussten Egon und Immi wo ich wohne, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich vermisse Berlin. Ja, jetzt schon. Ich vermisse die breiten Bürgersteige für all die Querläufer und Querdenker. Ich vermisse die alt gebauten Häuser und den viel breiter wirkenden Himmel. Gott, aber diese Frauen hier.
Ich meine: Der Rhein ist nicht die Copa Cabana. Lange nicht. Aber irgendjemand hat den Mädels hier beigebracht sich anzuziehen. Und wie. Sie sehen toll aus, selbst wenn es stürmt und gießt. Vorgenommen, für den 30ten, habe ich mir: Das Pferdeschwanzmädchen aus dem Schaufenster von Rossmann, welches das Haargel-Regal umgeräumt hat, anzusprechen. Vielleicht kaufe ich Schaumfestiger. Haargel hab’ ich noch genug.

30.10.
Warum gibt es eigentlich Schichtarbeit? Ich meine, ich verstehe die rein technischen Bedingungen: Nehmen wir eine Produktionskette für Hustensaft. Dort ist es unbedingt notwendig, dass Tag und Nacht produziert wird. Aber bei Rossmann? Frühschicht, Spätschicht, Tagschicht? Nach fünfundvierzig Minuten, die man unentwegt auf die drei zur Auswahl stehenden Schaumfestiger im Regal geblickt hat, hält einen das Personal für geisteskrank und die meisten Passanten für einen Terroristen. Mal ehrlich: Welcher Terrorist würde sich in einem Rossmann hochjagen? Vielleicht bei Schlecker, oder Ihr Platz, aber Rossmann? Wie eitel kann man eigentlich sein. Da kauft doch um die Zeit keiner mehr ein.
Egal. Ich rege mich auf. Nicht gut. Dabei war heut’ wirklich gutes Wetter. Essen war auch gut. Und ich stand zeitgleich in einer Notaufnahme, einem Holding-Büro (wobei ich mir immer noch nicht ganz sicher bin was eine Holding eigentlich ist und warum sie ein Büro braucht), einem Kaminzimmer, einer Schlossküche, einem Salon und einer Empfangshalle. Dazu hab’ ich nicht mal einen Delorian gebraucht. Kleiner Tipp: Wenn mal jemand wissen möchte wie man am besten von Nippes ins Gewerbegebiet Ossendorf kommt: Nicht mit dem 147 über Bilderstöckchen und dann mit dem 148 weiter bis Mathias-Brüggen-Straße. Lieber die 15 und ab Longericher den 139er. Und sollte jemand fragen: Niemals auf Arbeit sagen, man hätte sich in den S- & U-Bahn-Plan rein gekniet. Einheimische mögen das nicht. Ist so wie nen Kaninchenzüchter fragen: „Joa! Is des ein Rüde?“
Morgen schenk ich mir selber einen freien Abend und gucke alte Folgen Seinfeld auf Comedy Central. Schon mal aufgefallen: Das ist in keiner Form lustig. Überhaupt nicht. Na ja, vielleicht auf Koks. We’ll see.

31.10.
Notlügen. Notlügen sind so ungefähr das Anstrengendste auf der Welt. Richtig ausgeführt sind sie nämlich kompliziert, mehrdimensional und so komplex wie Kernreaktoren. Das heißt: Zuerst ist eine Notlüge nie einfach nur: „Tut mir leid. Ich bin im Stau stecken geblieben.“
Man erfindet wendungsreiche Geschichten, wie: „Gerade als ich aus dem Haus wollte, rief meine Mutter an. Natürlich wollte ich gleich das Gespräch beenden, aber sie erinnerte mich daran, dass ab heute bei Media Markt die Espressomaschine von Bosch im Angebot ist. Sie konnte aber nicht vorbei fahren, weil sie auf den Eismann gewartet hat. Deswegen bin ich schnell hin. In Wedding hatten sie keine Bosch-Maschine mehr, also bin ich noch nach Tiergarten.“ Mehr Dimensionen erfährt eine Notlüge über verschiedene Arten des Betrugs und der Erfindung. „Nein. Ich hab’ den Attest nicht nur vergessen, ich werde wohl auch keinen besorgen können: Mein Hausarzt, bei dem ich war, ist für zwei Wochen im Urlaub.“
Und die Komplexität einer Notlüge wird durch unbekannte und schwer beeinflussbare Variablen erzeugt: „Weil es heut’ so kalt war, sprang mein Auto nicht an und ich wusste nicht wann der Bus kommt, weil jemand den Plan an der Haltestelle abgerissen hatte, deswegen wollte ich eine Station laufen – auch damit mir warm wird – da überholte mich der Bus und ich konnte lange auf den Nächsten warten. Die fahren leider nur noch Unregelmäßig, die von der Nahverkehrsgewerkschaft streiken doch.“ Erzähl mal so eine Geschichte im Hochsommer und direkt nach einem neuen Tarifvertrag und in Grunewald, wo jeder weiß: Da reißt niemand Pläne von Bushaltestellen ab und jeder Busfahrer wartet bis der einzige Fahrgast am Tag zur Haltestelle vorgelaufen ist. Ein Letztes:
Notlügen haben nichts mit echten Lügen zu tun. Sie sind moralisch gesehen, eine Grauzone. Genau genommen sind sie gut verzeihbar und eigentlich irgendwie süß. ; )

1.11.
Man stelle sich folgende Situation vor: Eines morgens, alles scheint wie sonst, tritt man aus der Haustür und niemand ist da. Ich meine jetzt richtig „niemand“. Keiner, absolut Nobody! Und wenn man sich zurück erinnert: Man hat auch im Haus niemanden gehört. Keiner da. Nicht im Treppenhaus und auch nicht im Fahrstuhl.
Man geht also ein paar Schritte, horcht und vernimmt: Überhaupt nichts. Kein Auto auf der Straße. Nicht mal ein Bus. Erste Zweifel schleichen sich ein: Traum? Ein David Lynch Film? Oder doch eine Seuche? Ein Angriff von Außerirdischen mit menschenfressenden Todesstrahlen? Eine Hausecke weiter ist man sich sicher: Etwas stimmt nicht. Hier läuft was ganz faul. Schließlich betritt man den U-Bahnhof. Man wartet die veranschlagte Zeit und dann doch: Eine U-Bahn rollt ein. Die Türen öffnen sich, niemand drinnen. Völlig perplex geht man vor zum Führerhaus und doch: Ein kauziger Mann in KVB-Uniform schläft halb über den Kontrollen. Das ist zwar kein vertrauensbildender Anblick, aber immerhin. Ein lebendiger Mensch. Und dann dämmert es mir: Feiertag. Und wir sind nicht in Berlin. Wir sind in Köln, was nach Hauptstadtmaßen in Bezug auf Feiertage in Bayern liegt.
Und das heißt: Niemand geht raus. Niemand spricht und Autofahrer kommen sowieso direkt in die dritte Vorhölle. Mit Hass und Selbstzweifel fahr’ ich also zur Arbeit und tatsächlich: Man arbeitet. Man arbeitet „vor“. Wie blöd ist das denn? In Berlin freut man sich wenn jemand nacharbeitet, hier arbeitet man vor.
Wir können noch viel von Westdeutschland lernen, die Feiertage gehören nicht dazu. Wir – und das sage ich stolz – sind Berliner. Hach wie ich das vermisse.
Trotzdem wurmt mit eins: Warum ist eigentlich der 1.11. ein Feiertag? What the hell happend back then? Irgendwas mit Jesus? Was mit Maria oder Mariä? Ein Kölner würde jetzt aufstehen, sich räuspern und die Krawatte zu Recht rücken, bevor er in melodischen Worten eine fein durchstrukturierte und emotional als Bogen gehaltene Erzählung beginnt. Ein Berliner sagt: Scheiß drauf! Hab ich sowieso nicht frei.

2.11.
VERBOTENE TRIEBE
Die erste Horror-Soap … noch nicht im ersten deutschen Fernsehen.
Erste Szene der Pilotfolge: Zwei Typen fahren in einem Kleinwagen durch das nächtliche, verregnete Köln. Plötzlich fragt der Beifahrer: „Hast du mal nen Stift?“ Der Fahrer kramt, sucht und gibt dann einen Kugelschreiber weiter. Ohne die Mine auszufahren rammt der Beifahrer dem Fahrer den Stift in den Oberschenkel. Ein lauter Schrei. Der Kleinwagen macht gefährliche Schlenker auf der Fahrbahn. „Spinnst du!?“, fragt der Fahrer, sich gleichzeitig das blutende Bein haltend und versuchend auf den Verkehr zu achten. „Wieso?“, will der Beifahrer wissen. „Ich bin der Serien-Psychopath. Hast du die Mail nicht gelesen?“ Enden auf dem entsetzten Fahrer, im Hintergrund ein diabolisches Lachen des Beifahrers. TW. Establishing Shot: Morgendliche Wohnhaussiedlung. In der Küche eines jungen Paares sitzt Er am Küchentisch und schmiert sich ein blutrotes Butterbrot. Sie kommt herein, sucht im Kühlschrank nach Milch, findet nichts und schaut sich dann prüfend in der Küche um. Als Sie das Butterbrot sieht runzelt Sie die Stirn. „Sach ma? Was ist’n mit der Butter los?“ Ertappt schaut Er auf und sieht Sie ängstlich von Unten an. „Ich hab’ heut’ Morgen den Hund geschlachtet und ihn ausbluten lassen. Dann hab’ ich das Blut unter die Butter gemischt.“ „Mensch!“, fährt Sie Ihn an. „Der Hund war für die Feiertage. Jetzt kannst du schön ins Tierheim und einen Neuen aussuchen. Einen mit braunem Fell, der nicht zu mager ist.“ Enden auf Ihm, schuldbewusst.
Schalten sie auch nächste Woche wieder ein, wenn geklärt wird ob Er einen neuen Hund findet und ob der Fahrer überlebt oder am Ende der Beifahrer eine weitere Attacke startet.
(Schlag mich, wenn ich mich irre: Sollte man mir das Keyboard wegnehmen?)