Tatsächlich schon vier Jahre?

Wie war das noch mal mit dem Sex? Was muss ich noch mal bedenken? Was kommt zuerst, was später und was hinterher? Nervös zuppel ich an dem Kondom in meiner Hosentasche herum und versuche es, ohne die rechte Hand von der Brust der Frau unter mir zu nehmen, aus meiner Hosentasche zu ziehen. Aber das Kondom klemmt. Verdammt. Mein Hosenstall ist schon offen und gleich verschwindet die Hose, zusammengefaltet wie eine Ziehharmonika, irgendwo am Fußende des Bettes. Wenn ich bis dahin das Kondom nicht rausbekommen habe, gibt es diesen langen Moment des „Innehaltens & nervös nach dem Kondom suchen“ kurz vor dem eigentlichen Akt selbst. Nein. Bitte nicht. Der sanfte Übergang ist doch alles, oder? Ehrlich gesagt kann ich mich nicht genau erinnern. Das letzte Mal Sex scheint zu lange her zu sein. Es erscheint mir wie eine Ewigkeit. Bin ich tatsächlich schon seit vier Jahren Single? Vier lange Jahre kein Sex? Wie konnte das passieren und warum hab’ ich nie zuvor ein One-Night-Stand gehabt? Oder irre ich mich? War da nicht mal dieses Mädchen, als ich betrunken im Magnet-Club … nein, nein … da war zwar ein Mädchen aber ich war definitiv zu betrunken und hab’ mir hinterher nur auf … auch egal! Jedenfalls jetzt dieses Mädchen. Nein. Diese Frau. Diese Frau hier. Claudia. Was für ein Glück hab’ ich gehabt? War das überhaupt Glück? Ganz alleine in einem Café sitzend und an nichts als das Wochenende denkend, setzte sich Claudia einfach zu mir. Eben ging ich noch die Liste der DVDs durch, die ich am Sonntagnachmittag mal wieder gucken müsste, und dann lächelt mich diese Frau an. Fragt nach einem Feuerzeug und wundert sich dann, dass ich keines habe. Was soll ich schon mit einem Feuerzeug, frage ich zurück. Seit zwei Jahren haben sie bei uns im Haus von Gasherd auf Elektro umgestellt. Claudia lächelt und sagt: Sie findet mich süß.
Oh, dieses Lächeln.
Dieses Lächeln. Sie lächelte auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Sie lächelte auf den Stufen im Treppenhaus, in ihrer Küche und im Wohnzimmer.
Eine Bewegung bringt mich zurück in die Gegenwart: Claudia beginnt mir die Hose herunter zu schieben und mein Daumen und mein Zeigefinger sind immer noch in der kleinen Tasche meiner Jeans eingeklemmt. Warum hab’ ich mir auch das Kondom in die kleine Tasche und nicht in die normale Jeanstasche gesteckt? Warum haben Jeans überhaupt eine kleine Tasche? Ist die für Kleingeld, oder für diese Chip-Marken, mit denen man die Einkaufswagen im Supermarkt kriegt? Und warum ist die kleine Tasche immer nur auf der rechten Seite der Jeans und nie auf der linken Seite? Für Kondome kann die Tasche nicht sein, da wär’ doch längst jemand auf ne bessere Aufbewahrungsmöglichkeit gekommen.
So, ich probier mal was:
Vorsichtig rolle ich mich zur Seite und verlagere mein Gewicht auf nur ein Bein. Jetzt hat Claudia es schwerer mir die Hose auszuziehen. Ob ich kurz mit dem Küssen aufhören soll und vielleicht weiter runter wandere? Über den Hals zur Brust und zum Bauchnabel? Dann hab’ ich auch mehr Zeit wegen der Hose und dem Kondom?
Ich probier’ das mal.
Langsam löse ich meine Zunge aus Claudias Mund und wandere bis zum Kinn. Ein kurzes Stöhnen lässt mich zaudern. Nein, dass klang nach Vergnügen, also weiter. Auf Brusthöhe merke ich: Ich hab’ meine rechte Hand immer noch auf Claudias linkem Busen. Sieht nicht gerade sehr anmutig aus, wie ich da halbseiden zudrücke. Kurz denke ich über eine Massagetechnik nach, die ich bei Kronzuckers Kosmus auf N24 in einem Beitrag über Kobe-Rinder in Japan gesehen habe. Da massieren die doch tatsächlich Schlachtvieh, damit das Fleisch … Nein! Jetzt ist nicht die Zeit dafür. Kurzentschlossen schiebe ich meine rechte Hand weiter runter und kreise, in fast schon schamanenhafter Manier um den Bauchnabel. Oft, wenn ich morgens aufstehe und unter die Dusche klettere, fällt mir beim Ausziehen auf, dass ich so kleine Fussel im Bauchnabel habe. Das sind nicht direkt Staubfusseln, eher Flusen, also eine Art abgeriebene Baumwollelemente vom T-Shirt. Ob Claudia auch … nach kurzer Kontrolle sind die Flusen vergessen. Claudia hat ein Bauchnabelpiercing. Wow.
Die letzte Frau mit Bauchnabelpiercing war gar keine Frau, sondern ein fünfzehnjähriges Mädchen, dass ich aus einer Tram heraus unverschämte zwei Minuten angeglotzt habe, als sie im Hochsommer mit ihren Freundinnen aus der Schule kam. Wow. Ein Bauchnabelpiercing. Bin ich schon so alt? Ist das so ungewöhnlich für mich? Oder liegt es einfach daran, dass ich das letzte Mal Sex vor vier Jahren hatte? Vor vier Jahren, verdammt. Damals war noch ein Mann Kanzler und ich … Sind es tatsächlich schon vier Jahre? Hilfe!
Abgelenkt durch das Bauchnablepiercing hab’ ich doch tatsächlich das Küssen vergessen. Mein Mund klebt irgendwo zwischen Claudias Brüsten und bewegt sich nicht. Sie merkt es zuerst:
„Eingeschlafen?“, fragt sie neckisch. Im Fernsehen fallen den Jungs auf solche Fragen immer so schlagfertige Antworten ein. Mir hängt beim Aufschauen nur ein Spuckefaden von der Unterlippe und ich grinse verlegen. Mein linkes Ohrläppchen beginnt zu pochen. Bestimmt bin ich schon ganz rot im Gesicht. Was für ein Anblick.
„Nein. Noch nicht.“, antworte ich viel zu spät und ich vergesse auch den ironischen Unterton. Soweit ich es aus meiner Perspektive erkennen kann, schaut Claudia einigermaßen überrascht zu mir herunter. Wie komme ich da jetzt nur wieder raus? Ich schiebe mich ein Stück nach Oben und gebe ihr einen Kuss. Viel zu feucht natürlich. Ich hätte die Spucke vielleicht mal runterschlucken sollen. Claudia übergeht das freundlich.
„Na? Hast du das Kondom endlich aus deiner Hose gefummelt?“, fragt sie grinsend.
Plop. Es ist tatsächlich frei. Meine zitternde Hand umklammert triumphal das verpackte Stück Latex. Ich präsentiere Claudia die weiß-verschweißte Kondom mit dem blauen Aufdruck des Herstellers und sie nickt anerkennend.
„Gut. Dann können wir ja weitermachen.“
Ich weiß nicht wie und ich weiß nicht warum, aber scheinbar wird man – wenn man häufiger Sex hat – einfach lockerer mit diesen Situationen. Claudia sieht wie eine Frau aus, die häufiger Sex hat und sie verhält sich auch so. Ich dagegen … na ja … ich bleibe wohl mein ganzes Leben eher ein … Amateur in diesen Situationen.
Als Claudia und ich tatsächlich drei Minuten später beide nackt sind, schwitze ich vor Aufregung so stark, dass sich unter meiner Nasenspitze kleine Tropfen bilden. Ruhig und auf meinen Herzschlag konzentriert, versuche ich mir ein paar Regeln ins Gedächtnis zu rufen:
Es ist okay beim Sex zu schwitzen. Du machst nichts Anderes als alle Anderen, sage ich mir. Dann allerdings:
„Hui. Du schwitzt aber ganz schön.“ Scheiße. Soviel zu „wie alle Anderen“!
Ohne auf Claudias Kommentar einzugehen, versuche ich jetzt das Kondom überzuziehen. Sowas hab’ ich schließlich schon mal gemacht. Früher hatte ich viel Sex. Viel, gemessen an den letzten vier Jahren. Kann doch nicht so schwer sein. Wie Fahrradfahren.
Ein bisschen Luft drin lassen und dann einfach abrollen. Ganz einfach.
Wie? Einfach abrollen? Wie rum muss ich das abrollen? Die Rolle nach Oben oder nach Unten. Rein technisch betrachtet muss die Rolle doch nach Oben um …
„Soll ich dir helfen?“ Und schon hat sich Claudia das Kondom gegriffen, dreht es herum, setzt es auf und schwups! Haha, ganz schön kalte Finger.
Kalte Hände sind das Resultat von Gefäßverengung und mangelnder Durchblutung, hab ich gelesen. Das kann zu Taubheit und … Huar! Was war das?
„Wie fühlt sich das an? Gut?“ Wow. Jedes Kobe-Rind das so massiert wird, stirbt glücklich auf der Schlachtbank. Aber wie antwortet man auf so eine Frage? Soll ich nicken? Im Anbetracht meiner momentanen Körperspannung, könnte ich Claudia gut und gerne bei einem plötzlichen Nicken die Nase blutig schlagen. Also, was soll ich sagen? ‚Super`? Nein. Super klingt nicht. ‚Toll’? Toll klingt nach meiner Mathelehrerin. ‚Genial’ geht auch nicht, zu technisch, genauso wenig wie ‚wunderbar’, hört sich gehaucht wie ‚Wonderbra’ an.
Ich rücke also mit meinem Mund an Claudias Ohr und flüstere mit bebender Stimme: „unglaublich … du … bist … wirklich unglaublich“.
„Danke. Du bist dran.“
Genau! Jetzt fällt es mir wieder ein! Vorspiel. Es geht alles ums Vorspiel. Verdammte Zucht. Wie konnte ich das vergessen. Was für ein Idiot bin ich nur. Vorspiel. For christs sake! Nachdem ich den trockenen Geschmack im Mund herunter geschluckt habe, bewege ich meine rechte Hand abwärts. Ob das mal gut geht. Die erste Berührung ist entscheidend. Nicht zu tollpatschig. Bloß nicht direkt ins Schlachtfeld vorstoßen. So eine Angelegenheit muss taktisch angegangen werden. Schrittweise Infiltration und … Mein Gott. Ich rede schon wie mein Vater. Liebe Güte. Ist es schon so weit? Mein Vater, der alle Dinge im Leben mit Militärmetaphern auflöste, sprach genauso. Na ja, nicht ganz genauso, schließlich sprach er nicht über Sex. Jedenfalls glaube ich, dass er nicht über Sex sprach, bei all den Metaphern kann man das natürlich nicht so richtig sagen.
Als ich Acht war, meinte er vor einem Fußballspiel zu mir, ich solle jetzt da raus gehen und ohne Rücksicht auf Verluste auf der eigenen Seite die Gegner gnadenlos an jedem Raumgewinn hindern, auch wenn es das Letzte sei was ich jemals täte. Glück für den Gegner war an diesem Sonntag: Ich war mal wieder zu klein und schmächtig um überhaupt eingesetzt zu werden.
Nun aber Claudia. Wie komme ich dazu hier in die Sprache meines Vaters zu fallen? Immerhin ist Claudia nicht eine Landzunge in der Normandie oder eine Häuserblock in Stalingrad. Hier geht es um Gefühle und … Himmel! Das Bauchnabelpiercing ist also nicht das einzige Piercing. Was wohl passiert, wenn …
„Hach.“ Oh! Okay. So geht das also. Na dann. Auch irgendwie praktisch.

Eine halbe Stunde später sind wir fertig. Oder: Ich bin fertig. Diesmal nicht nur mit den Nerven. Claudia schwitzt jetzt auch. Jedenfalls hoffe ich dass sie schwitzt. Sollte die gesamte Flüssigkeit auf ihrer Haut von mir kommen … das wäre mir schon sehr peinlich.
Vorsichtig drücke ich mich etwas hoch und schmatzend meinen Oberkörper von ihrem Oberkörper.
Jetzt kommt nur noch die Sache mit dem gebrauchten Kondom. Oder sagt man „volles Kondom“? Also richtig voll ist es noch nicht, obwohl ich glaube die handelsübliche Menge erreicht zu haben und … na ja … ich hab’ nirgendwo eine Füllmarke gesehen. Wie auch immer. Erstmal das Ding überhaupt runterkriegen.
„Ehm … das Bad?“, frage ich und versuche dabei so cool wie möglich zu wirken.
„Willst du nicht zuerst mal rausziehen?“
Oh. Richtig. Fast vergessen. Ich hatte tatsächlich sehr lange keinen Sex mehr. Dafür, dass es die schönste Sache der Welt ist, ist es verdammt anstrengend und es gibt überall diese kleinen Fallen und Tricks und Dinge die man beachten muss.
Vielleicht bin ich auch einfach nicht für Sex gemacht. Ich hab’ schließlich andere Talente. Ich kann den sechshundert Teile Revell-Bausatz des Leopard-II-Panzers in weniger als vierzig Minuten zusammensetzen. Bei Monopoly gehören mir nach knapp einer halben Stunde alle vier Bahnhöfe und ich kann zu fast jeder Situation im Leben aus Büchern von H.P. Lovecraft zitieren. Nur zu dieser Situation fällt mir nichts ein.
„Klar.“, ist alles was ich herausbringe. Dann gibt es ein komisches Geräusch, gleichzeitig schmatzendes und pfeifendes Geräusch. Es erinnert ein bisschen an diese Quietsch-Hupe aus dem Tabu-Spiel. Letztes Jahr zu Weihnachten haben meine Eltern mir das Spiel geschenkt und wir haben den gesamten Heiligabend mit – – – jetzt sollte ich vielleicht doch nicht dauernd an meine Eltern denken.
Ich stehe auf und Claudia weist mir den Weg zum Badezimmer.
Dort angekommen, bin ich drauf und dran das gefüllte und verschnürte Kondom ins Klo zu werfen. Doch mir fällt etwas ein, das ich entweder vor Urzeiten in der Bravo gelesen habe oder mein Onkel mir erzählt hat. Wie bei den meisten Jungs sind sowohl Onkel, als auch Bravo, für mich immer Aufklärungshilfen Nummer Eins gewesen.
Und eine dieser Hilfe hämmerte mir folgenden Satz ein: Kondome gehören nicht ins Klo. Also wickle ich das Kondom in drei Abschnitte Toilettenpapier und werfe alles zusammen in den Mülleimer. Bevor ich zurück zu Claudia, zurück ins Schlafzimmer und zurück ins Bett gehe, wundere ich mich, ob vielleicht alles etwas einfacher wäre, wenn ich nicht so viel darüber nachdenken würde. Und es wäre doch nicht schlecht, wenn alles etwas einfacher wäre. Ja. Das wäre echt ein Fortschritt. Vielleicht in vier Jahren.

Ein Gedanke zu „Tatsächlich schon vier Jahre?

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